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Gastspiel in der einklassigen prot. Volksschule in Schrollbach

von Walter Winkler

Wenn man die Landstraße von Obermohr nach Niedermohr entlangfährt, sieht man links das schmucke Schulhaus von Schrollbach liegen, mit einem Dachreiter geziert, in dem ein kleines Glöckchen hängt. Heute ist das Gebäude zu einem Dorfgemeinschaftshaus ausgebaut.

Immer, wenn ich dort vorbeifahre, werde ich an die sechs Wochen erinnert, in denen ich als junger Lehrer 1960 zur Vertretung an diese einklassige Schule abgeordnet wurde. Der Lehrer Schöneberger war seinerzeit erkrankt und lag im Krankenhaus. Da musste der Schulrat für einen Ersatzlehrer sorgen, und sein Blick fiel auf mich, den „Flüchtlingslehrer“, denn die Zahl der Lehrer, die die arbeitsaufwendige Lehrmethode in der weniggegliederten Schule beherrschte, nämlich acht Jahrgänge gleichzeitig zu unterrichten, war damals schon sehr zusammengeschmolzen. Ich hatte sieben Jahre lang in der russischen Zone unter primitiven Schulverhältnissen meine Unterrichtserfahrungen gesammelt und war deshalb für eine Zwergschule dieser Art geradezu prädestiniert.

Die Arbeit dort hat mir viel Spaß gemacht. Die Leute, die heute die Nase rümpfen, wenn sie von der sog. Zwergschule hören, haben keine Ahnung von den Zwängen der Realität, denn sie vergessen, dass jedes Bildungssystem von den gesellschaftlichen, politischen, finanziellen, wirtschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit abhängig ist. Bildung wird nicht allein nur durch finanzkräftige Schuletats und üppige materielle Ausstattung einer Schule, sondern mehr noch durch Menschen vermittelt, denen die Bildung der Jugend ein Herzensanliegen und kein Job mit viel Freizeit und langen Ferien ist.

Mit großem Vergnügen denke ich an das Schrollbacher Mittagsläuten, das von den Schülern aus der Schulklasse heraus besorgt wurde. Regelmäßig meldete sich gegen 11 Uhr im Unterricht irgendein Kind mit der Frage: "Herr Lehrer, darf ich pempele?" Das Läuteseil baumelte nämlich in den Klassensaal herab und wurde dann gebührend traktiert. Nun kam es manchmal vor, - sei es dass der Unterricht gerade so sehr spannend war oder vielleicht auch ziemlich ermüdend, - dass wir
einfach das Läuten vergaßen. Bei bis zu 10 Minuten Verspätung holten wir es einfach reumütig nach. Bei größeren Verspätungen jedoch ließen wir es besser sein, weil es dann die Dorfbewohner wahrscheinlich verunsichert und den Tagesablauf in den einzelnen Häusern etwas durcheinander gebracht hätte.

Auch der Kohleofen, der weit im Schulsaal stand und durch ein langes Ofenrohr mit dem Schornstein verbunden war, unterstand der Obhut der "Großen". Die Frage: "Herr Lehrer, darf ich schiere?" leitete oft eine aufwendige Aktion ein. Aus einer Kohlenschütte wurde gekonnt durch die obere Klappe reichlich Brennmaterial eingebracht, meist soviel Steinkohle, dass die Flamme völlig erstickte. Mit einer Eisenstange wurde daraufhin im Ofen kräftig gestochert. Kurz darauf gab es meist eine mittelschwere Kohlenstaubexplosion, welche eine schwarze Wolke hervorbrachte, die langsam durch den Schulraum waberte. Die Decke über dem Ofen war deshalb im Laufe der Zeit schon ziemlich dunkel gefärbt, also etwas rußig. Aber nun setzte sich das Feuer im Ofen so richtig durch, es wummerte hörbar und das Ofenrohr glühte. Da musste dann von Zeit zu Zeit das heiße Rohr wieder mit Hilfe des eisernen Schürhakens im Schornstein fixiert werden, weil es sich langsam aus seiner Halterung herauslöste. Alle schauten gebannt zu.

Den Adventskranz haben wir auch in Eigenregie geschaffen. Das war in Schrollbach Tradition. Zuerst mussten eines schönen Nachmittags die Buben mit dem Handwägelchen in den Wald fahren und unter achtsamer Umgehung und Distanz vom Waldhüter, des Schützen, die nötigen Zweige klauen. Als das Wägelchen fast voll war, tauchte in der Ferne der Waldschütz auf, und die Bubenschar musste im Schweinsgalopp den Rückzug antreten. Danach wurden im Schulsaal die Tannenreiser von den Buben in die nötigen Stücke geschnitten und von den Mädchen zu einem großen Kranz gewickelt. Um das Ganze fest zu kriegen, brauchte man Blumendraht. Aber nach einer Weile wurde es den Buben doch zu langweilig und sie fingen an, mit den Zweigen zu schmeißen und die Mädchen zu necken und zu ärgern. Da schickte ich sie lieber heim, sie hatten ja genug geholfen. Die Mädchen wollten nun aber auch schneller fertig werden, die Sorgfalt ließ nach und deshalb wurde der Kranz immer dünner und kümmerlicher. Als wir zum Schluss unser Werk betrachteten, war es ein ziemlich ungleiches Gebilde, auf einer Seite voluminös, auf der anderen ziemlich schwindsüchtig. Es gelang uns nicht, den Kranz einigermaßen waagerecht aufzuhängen, weil er ganz schieflastig an der Decke baumelte. Aber schön war er doch, denn er war ja selbstgemacht! Die dicken Kerzen und die langen roten Bänder vollendeten den überwältigenden Eindruck ungemein. Der Kranz hat nur nicht lange gelebt, denn bei der Ofenwärme begann er bald kräftig zu nadeln und nahm besenartige Züge an. Er wurde ein schönes Sinnbild der Vergänglichkeit: Alles vergeht einmal, dieser Adventskranz leider schneller als gedacht. Als die Weihnachtsferien begannen, war er völlig kahl.

Nach sechs Wochen war mein Zwischenspiel in Schrollbach jedoch vorbei. Lehrer Schöneberger war endlich gesund geworden, und ich unterrichtete wieder meine Klasse in Miesenbach, die in der Zwischenzeit von einer pensionierten Lehrerin aus Reuschbach, Frau Soffsky, aushilfsweise betreut worden war. Die Erlebnisse an der "Einklassigen" in Schrollbach jedoch sind mir bis heute unvergessen geblieben, ein Erlebnis, das ich keinerfalls missen möchte.